Veronika Guld

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Auf dem Gesundheitskongress des Westens 2023 in Köln am 3. und 4. Mai 2023 wurden aktuelle Themen zur Neuausrichtung des deutschen Gesundheitswesens   zwei Tage lang intensiv von Experten und Wissenschaftlern diskutiert.

Fazit: neue Strukturen und eine schnelle Umsetzung von Reformen sind nötig, um    die Gesundheitsversorgung zukünftig zu sichern.

Notwendige nachhaltige Reformen, Finanzierungsfragen, Zuständigkeiten der Länder und des Bundes, sektorenübergreifende Kooperationen sowie Krisenszenarien waren die zentralen Diskussionsthemen im Fokus des Kongresses.

NRW-Gesundheitsminister Karl Josef Laumann sprach am Vorabend des Kongresses über die weit fortgeschrittenen Pläne der Krankenhausreform in NRW. Die Summe von 2,5 Milliarden Euro stehe für den Umbau der Kliniklandschaft in NRW bereit. Laumann geht davon aus, dass die Krankenhausplanung in allen 16 Planungsgebieten bis Ende 2024 finalisiert ist. Anders als bisher, sollen nicht die Bettenkapazitäten als Parameter verwendet werden, sondern Leistungsgruppen und -bereiche. “Was wir in Nordrhein-Westfalen machen, ist nicht die Krankenhausplanung der Regierung, sondern des Gesundheitswesens,“ so Laumann. Am 23. Mai würden alle Landesgesundheitsministerinnen und -minister sowie Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach in einer Sitzung zu dem Thema zusammen-kommen.

Zum Eröffnungsthema Nachhaltigkeit in der Finanzierung des Gesundheitswesens – wie kann eine hochwertige Patientenversorgung zukünftig noch gewährleistet werden? sprach Dr. Jochen Pimpertz, Leiter des Clusters Staat, Steuern und Soziale Sicherung, Institut der deutschen Wirtschaft Köln e. V., die dramatischen Finanzierungsprobleme des Gesundheitswesens an. Er beleuchtete deren Ausgabentreiber am Beispiel der gesetzlichen Krankenversicherung und forderte eine umfassende Reformdebatte. Bei Beitragssätzen wären sogar 100 Prozent denkbar. Auch Möglichkeiten und Risiken des sogenannten Generationenkapitals sowie die Option der individuellen Zusatzversicherungen zur Finanzierung von Gesundheitskosten wurden diskutiert.

Zum Thema moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung erklärte Prof. Dr. Christian Karagiannidis, Mitglied des Expertenrats der Bundesregierung, Facharzt für Innere Medizin, Pneumologie und Intensivmedizin, Kliniken der Stadt Köln, dass der demografische Wandel gefährliche Auswirkungen habe und es jetzt wichtig sei, realistisch zu planen. Eine enorme Herausforderung seien große Defizite, insbesondere in der Personalentwicklung. Zentralisierung, Planung mit Bevölkerungsbezug, Ambulantisierung, eine flächendeckende Notfallversorgung sowie eine Reduktion der Arbeitslast für medizinisches Personal sei nötig. Auch die Wirtschaftlichkeit von Krankenhäusern sei zu beleuchten.

Die Entwicklung der Next Generation/nicht-ärztliches medizinisches Personal wurde diskutiert mit dem Fazit, dass insbesondere die zeitliche Belastung des Personals durchweg zu hoch ist. Dieses müsse dringend entlastet werden mit besseren Rahmenbedingungen und Fortbildung als Qualifikation. Dies sei ein wichtiger Schlüssel gegen Personalfluktuation in den Praxen. Dr. Carsten König, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, rät: „Wir müssen 20 Prozent der MFA-Absolventinnen für eine höhere Qualifikationsstufe ausbilden.“ Die Delegation von Aufgaben an weitergebildetes Personal sei auch eine gute Lösung, um das ärztliche Personal zu entlasten.

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Auch die Frage des Krankenhauszukunftsgesetzes und Eckpunkte der neuen Digitalisierungsstrategie wurde intensiv beleuchtet.                                                         Jochen Werner, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender Universitätsklinikum Essen, benannte die Wichtigkeit einer sektorenübergreifenden Planung. Aufgrund der Folgen des demografischen Wandels bestehe nun ein enormer Pflegekräftemangel. Auch Kommunikation und Information seien wichtig, um transparent zu machen, worum es bei der Digitalisierung geht. Prof. Dr. Sylvia Thun, Direktorin für eHealth und Interoperabilität, Charité Universitätsmedizin, thematisierte ebenfalls den Fachkräftemangel. Sie empfahl, Personal anders einzusetzen sowie neue Arbeitsmodelle.

Eine Alternative zu herkömmlichen Pflegeeinrichtungen stellte Jannette Spiering, Senior managing advisor, founder The Hogeweyk® Demenzdorf, Niederlande vor. Das Projekt „The Hogeweyk“ für Demenzerkrankte bietet in einem Village-Stil für 188 Patienten ein Alterszuhause, bei dem der Fokus auf sozialen Beziehungen und nicht auf gesundheitlichen Einschränkungen liegt. Das Modell versteht sich als inspirierende Vorlage, die nach regionalen und kulturellen Gegebenheiten angepasst werden kann. „Hobbys und Interessen der Bewohner integrieren wir in die Wohnsituation und Aktivitätenangebote, sodass der gewohnte Lebensstil weitgehend erhalten bleibt,“ so Spiering.

Innovatives aus der Medizin und Forschung wurde vorgestellt von Univ.-Prof. Dr. Dr. Ralf Smeets zum Thema: Krebs früh erkannt und eher heilbar –  was bringen neue Testverfahren? Smeets wies auf die Wichtigkeit einer frühen Diagnose und Prävention hin. Mit dem neuen Testverfahren “PanTum Detect Test“ könnten maligne Erkrankungen früher erkannt werden. „Mit bisherigen Screening-Maßnahmen sind nur 45% neuer Krebserkrankungen erkennbar. Diesen Screening-Gap gilt es zu schließen,“ so Smeets.

Die Themen Digitalisierung und Datenschutz im Gesundheitswesen wurden intensiv in einer Expertenrunde diskutiert. Tanja Jost, Bundesbeauftragte für den Datenschutz (BfDI), berichtete über die elektronische Patientenakte ePA, die bereits 2003 im Deutschen Bundestag beschlossen wurde und laut Gesundheitsminister Lauterbach bis 2024 realisiert werden soll. „Es ist wichtig, dass die Menschen weiterhin souverän über ihre Gesundheitsdaten entscheiden können. Dies ist das Ziel des Datenschutzes bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen,“ so Jost. Günter Wältermann, Vorstandsvorsitzender AOK Rheinland-Hamburg, erklärte, dass die Digitalisierung hilfreich sei die Resilienz zu stärken, ebenso müsse sie dazu führen, dass Behandlungserfolge steigen. Kongresspräsident Prof. Dr. Dr. h.c. Karl Max Einhäupl betonte den hohen Wert von Daten und ihrer Verwendung u.a. in der Forschung, da die Wirtschaftlichkeit in Weltregionen maßgeblich davon bestimmt würde.

Die geringe Akzeptanz von Digitalen Gesundheitsanwendungen DIGAs und Patientenportalen mache deutlich, dass hier bislang zu wenig Aufklärung in der Bevölkerung stattfinde. Dr. Barbara Höfgen, Fachgebietsleiterin Digitale Gesundheits- und Pflegeanwendungen, Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) erklärte: „Es besteht EU-weit ein hohes Interesse an DIGAs. Datenschutz und Evidenz sind wesentliche Kriterien, die hier erfüllt werden müssen. Das „Fast Track“ Verfahren zur Zulassung unterstützt die Weiterentwicklung ebenso wie die Digitalstrategie der Bundesregierung.“ Laut Thorsten Hahn, Geschäftsführer Knappschaft Kliniken Service GmbH, sind die Vorgaben für die Fördermittelrichtline KHZG definiert. Es müssten nun die Erwartungen von Patienten und medizinischem Personal integriert, die Portale optimiert sowie mit Mehrwertdiensten wie E-Rezept, Messenger Diensten etc. verknüpft werden.

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Auch die Themen Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung im Krankenhaus sowie Quick-Wins wurden intensiv diskutiert. Frank Dzukowski, Leiter Vorstands-Stabsstelle Nachhaltigkeit und Klimamanagement Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, riet dazu: „Das Thema Klimaschutz muss aktiv weiterentwickelt werden von engagierten Personen in den entsprechenden Führungspositionen im Krankenhaus. Das Gespräch mit Experten und der Abgleich mit bestehenden Netzwerken, um voneinander zu lernen, ist hier wichtig.“

Das System nicht an die Wand fahren – ein zukunftsfähiges Gesundheitssystem aber wie? Zu diesem Thema erklärte Wolfgang van den Bergh, Herausgeber der Ärzte Zeitung: “Dieses Thema umfasst ökologische und ökonomische Nachhaltigkeit sowie Resilienz, hier müssen wir den Bogen spannen.“ Prof. Dr. Wolfgang Greiner, Universität Bielefeld, Wissenschaftlicher Leiter des Kongresses, bestätigte, dass es um die Resilienzförderung des Gesundheitssystems als kontinuierlichen Prozess aller Akteure geht. Dazu gehörten Krisenvorbereitung und -bewältigung ebenso wie Maßnahmen für Klima- und Hitzeschutz. Prof. Dr. Christian Schulz, Geschäftsführer, Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e. V., thematisierte den Punkt Resilienz: “Wir überschreiten planetare Grenzen, was eine enorme Wechselwirkung mit der Gesundheitssituation der Bevölkerung hat.“ Resilienz sei eine zentrale Aufgabe für das Gesundheitswesen mit perspektivischem Blick auf die nächsten 10 Jahre. Auch Prävention müsse neu definiert werden und sich auf Risikominimierung fokussieren.

In der Diskussion über die Schaffung regionaler Gesundheitszentren für eine nachhaltige Versorgung betonte Annette Hempen, Geschäftsführerin Medizin und Mehr eG, es sei bedarfsorientiertes Handeln in der Thematik wichtig, welches regionale Aspekte berücksichtigt, Qualitätsorientierung und Mittel zur Versorgung im Blick hat sowie Telemedizin und digitale Möglichkeiten einbindet. Dr. Sabine Schipper, Geschäftsführerin Deutsche Multiple-Sklerose Gesellschaft-NRW erklärte: „Gesundheitskioske und Gesundheitszentren können sich gut ergänzen. In allen Maßnahmen ist der Blick auf die Zielgruppen und die Nutzerorientierung wichtig.“ Klaus Overdiek, Leiter der Landesvertretung Nordrhein-Westfalen der DAK, wies darauf hin, dass die GKV einen Rechtsrahmen braucht, der die Finanzierung sichert. Dies fehle bisher. Er plädiert dafür, Kriterien für regionale Gesundheitszentren zu definieren, um einheitliche Konzepte zu entwickeln.

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Im Thema Nahgelegene Krankenhäuser mit Notfallversorgung und die zukünftige Funktion der Rettungsdienste wurden Spannungsfelder durch Fachkräftemangel und Unklarheiten bzgl. Zuständigkeiten in der Patientenversorgung benannt. Durch den neuen Krankenhausplan NRW des Ministeriums kämen neue Hürden dazu, so Prof. Dr. Alexander Michael Lechleuthner, Ärztlicher Leiter Rettungsdienst der Stadt Köln.

Die Vorstellung von sogenannten Leuchtturmprojekten in der Pflege führte vor Augen, wie alternative Modelle aussehen können. Diese reichten vom Pflegebauernhof, Demenzdorf bis hin zum Einsatz von Robotern als Pflegeassistenten.

Die Thematik Folgen des Klimawandels als Verstärker für aktuelle und Auslöser für neue Krankheiten zeigte deutlich, wie schwerwiegend diese Auswirkungen sind. Prof. Dr. Claudia Traidl-Hoffmann, Lehrstuhl für Umweltmedizin am Universitätsklinikum Augsburg, stellte vor, dass 71% aller Todesfälle weltweit aufgrund von Krankheiten eintreten, die durch Klimawandel und Umweltverschmutzung verstärkt werden. Sie wies darauf hin, dass die Hitzesteigerung zu zunehmenden Mortalitäts-Zahlen führt, sowie Umweltfaktoren immense Treiber für bspw. allergische Erkrankungen durch Pollen seien. „Die Klimakrise ist ein medizinischer Notfall, der sofortiges Handeln erfordert.“ so Traidl-Hoffmann im Rahmen des Satellitensymposiums „Bayreuther Gesundheitsdialog“ auf dem Kongress.

Der Blick auf den aktuellen Stand der Krankenhausreform in NRW zeigte, dass insbesondere die Finanzierungsfrage dringlich ist. Marco Schmitz, MdL, Sprecher Ausschuss für Arbeit, Gesundheit und Soziales, Landtag NRW, betonte, dass die Krankenhausplanung Ländersache sei. Auch die Höhe des Finanzbedarfs zeige den hohen Stellenwert und die Dringlichkeit des Themas.

Insgesamt zeigte sich in allen Themen, die auf dem Kongress von Experten diskutiert wurden, dass ein dringender Handlungsbedarf zur Veränderung besteht, um langfristige Stabilität in allen Gesundheitsbereichen sicherzustellen.

Bildmaterial zum Kongress unter:                                                     https://www.gesundheitskongress-des-westens.de/presse/pressefotos.html

Autorin: Veronika Guld