Souveräne Cloud: Europa hat die Server, aber nicht den Betrieb
Analyse von sieben europäischen Cloud-Anbietern zeigt: Bei Datenbanken, Monitoring, Backup und KI-Betrieb klafft eine Lücke zu AWS. Für deutsche Unternehmen wird damit nicht die Wahl des Rechenzentrums zur entscheidenden Frage, sondern wer die Dienste darauf betreibt.
Kiew, 3. November 2026 – Europäische Cloud-Anbieter können Amazon Web Services (AWS) bei Servern, Speicher und Kubernetes inzwischen Paroli bieten. Bei den verwalteten Diensten, die Unternehmen bei AWS automatisch nutzen, fehlt jedoch ein großer Teil. Das ist das Ergebnis einer Analyse des DevOps-Unternehmens Gart Solutions, die AWS Dienst für Dienst mit OVHcloud, Scaleway, Hetzner, Exoscale, IONOS, UpCloud und evroc vergleicht. AWS bietet in seinen europäischen Regionen mehr als 200 verwaltete Dienste an. Der europäische Anbieter mit dem umfangreichsten Katalog, OVHcloud, kommt auf rund 45.
Die Analyse fällt in eine Phase, in der digitale Souveränität in Politik und Wirtschaft an Gewicht gewinnt. Die EU-Kommission hat im Juni 2026 ein Paket zur technologischen Souveränität vorgestellt, zu dem der Cloud and AI Development Act (CADA) gehört. Er soll die Rechenzentrumskapazitäten in Europa deutlich ausbauen. Kapazität allein löst das Problem nach Einschätzung der Analyse jedoch nicht.
Kubernetes als Stärke, Datenbanken als Hürde
Am stärksten ist Europa bei verwaltetem Kubernetes. Fast alle untersuchten Anbieter bieten es an, OVHcloud und Scaleway berechnen für die Steuerungsebene keine Gebühr, und beim Schweizer Anbieter Exoscale steht ein neuer Cluster in weniger als zwei Minuten bereit.
Deutlich schwieriger ist die Lage bei Datenbanken. Kein europäischer Anbieter hat ein Gegenstück zu Amazon Aurora, der verteilten Datenbank mit automatischer Skalierung und bis zu 15 Lesekopien. Die Wiederherstellung einer Datenbank zu einem beliebigen Zeitpunkt ist bei AWS bis zu 35 Tage zurück möglich, bei den meisten europäischen Anbietern sieben Tage. Hetzner bietet keine eigene verwaltete Datenbank an. IONOS stellt verwaltetes PostgreSQL bereit, im Standardtarif allerdings ohne Lesekopien.
Monitoring, Backup und KI: Hier fehlt der Betrieb
Noch größer ist die Lücke bei der Überwachung von Systemen. Keiner der sieben Anbieter bietet eine verwaltete Ablaufverfolgung über mehrere Dienste hinweg, wie sie AWS mit X-Ray zur Verfügung stellt. Unternehmen ohne eigenes SRE-Team stehen laut Analyse vor der Wahl, entweder weiterhin AWS-Monitoring für ihre europäischen Systeme zu nutzen oder einen eigenen Stack aus Prometheus, Grafana und Loki dauerhaft selbst zu pflegen.
Beim Backup fehlt eine zentrale Steuerung über alle Dienste hinweg, und keiner der Anbieter bietet unveränderbare Backups mit Schreibschutz wie AWS Backup Vault Lock. Für Banken, Versicherungen und Zahlungsdienstleister, die nach der EU-Verordnung DORA ihre Backup- und Wiederherstellungsverfahren dokumentieren und testen müssen, ist das eine zentrale Frage.
Im KI-Bereich bieten mehrere Anbieter GPU-Leistung und Zugang zu Sprachmodellen. IONOS betreibt etwa einen AI Model Hub in Berlin. Werkzeuge für den gesamten Lebenszyklus von Modellen – Experiment-Tracking, Modellregister und schrittweise Ausrollung neuer Versionen – fehlen jedoch bei allen untersuchten Anbietern.
Die geteilte Migration
Das Ergebnis ist in der Praxis häufig eine geteilte Lösung: Unternehmen verlagern Server zu europäischen Anbietern, behalten Datenbanken, Monitoring oder KI-Anwendungen aber bei AWS. Damit bleibt ein Teil ihrer Daten weiterhin im Geltungsbereich des US CLOUD Act.
„Europas Cloud-Unabhängigkeit entscheidet sich nicht an der Zahl der Rechenzentren, sondern daran, wer die Dienste darauf betreibt. Die Anbieter werden diese Schicht nicht in dem Tempo selbst bauen, das der Markt verlangt. Sie wird zu einem großen Teil von Betriebspartnern kommen, die Datenbanken, Monitoring und Backup auf europäischer Infrastruktur als Dienst bereitstellen“, sagt Fedir Kompaniiets, Mitgründer von Gart Solutions und Autor der Analyse.
Die Analyse empfiehlt Unternehmen, vor einem Wechsel zu erfassen, welche AWS-Dienste sie tatsächlich nutzen, den Anbieter nach dem passenden Dienstkatalog auszuwählen und den Betriebsaufwand für fehlende Dienste von Beginn an einzuplanen.
Über die Analyse
Die Analyse „The EU Cloud Managed Services Gap“ vergleicht die Anbieter in den Bereichen Datenbanken, Kubernetes, Monitoring, serverlose Funktionen, Messaging, KI sowie Backup und Notfallwiederherstellung. Sie basiert auf öffentlich zugänglichen Produktinformationen der Anbieter mit Stand Juni 2026. Die vollständige Analyse in englischer Sprache ist abrufbar unter: https://gartsolutions.com/eu-cloud-managed-services-gap/
Über Gart Solutions
Gart Solutions ist ein Unternehmen für DevOps und Cloud-Architektur. Es unterstützt Organisationen beim Umzug zu europäischen Cloud-Anbietern und beim laufenden Betrieb ihrer IT-Infrastruktur, einschließlich Datenbanken, Monitoring und Backup.
Pressekontakt
Anastasiia Sosyniuk Head of Digital, Gart Solutions
