Der Performanceschaffende Patrick Gusset wagt mit Mitteln des szenischen Theaters ein Zukunftsbild auf Basis der Szenarien des Weltklimarates.

Scheitern und Gelingen

Welch Anmassung: So zu tun, als ob man wüsste, wie sie sein wird, die Zukunft. Denn es ist noch immer anders gekommen als gedacht. Der Performanceschaffende Patrick Gusset wagt genau dies, und schiebt nach, er wisse, dass er scheitern wird mit seinem beinahe allumfassenden, facetten- wie formreichen Stück thefutureoftheearth, ein auf Performance basiertes Symposium zum Klima der Zukunft. Er hat es an vier Abenden im Frühsommer in einer Industriehalle in Pratteln inszeniert, mit jeweils gleichem Thema, dem Klimawandel, und wechselndem Inhalt, den von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern entwickelten Szenarien der Erderwärmung. Preenactment (wörtlich ungefähr Befähigung, die Zukunft zu erfahren) nennt sich diese Form der Performance, einer Spielart des Theaters, die in Anlehnung an das bereits etablierte Reenactement, wo die Vergangenheit so realitätsnah wie möglich auf die Bühne geholt wird, um ein besseres Verständnis für das damalige Geschehen zu vermitteln, nun die Zukunft zum Thema macht, um sie zu vergegenwärtigen. Gusset hat noch einen weiteren Anspruch: Kunst und Wissenschaft zu vereinen, mit dem Anspruch, Wissenschaft und deren Erkenntnisse mit künstlerischen Mitteln erfahrbar zu machen und damit zu einer Sprache zu finden, die das Verständnis und das Verstehen auf alle Sinne ausweitet. Ihm sei bewusst geworden, dass Kunst und Wissenschaft sich ähnelten: das Szenische des Theaters sei vergleichbar mit den Szenarien des Weltklimarates, eine Phantasie der Zukunft.

Auf den Klimawandel stiess Gusset, als ihn der Klimaforscher Reto Knuttli in einem Gespräch darauf hinwies, er solle sich einmal die Erde mit einer um fünf Grad gesunkenen Durchschnittstemperatur vorstellen: Eine Tiefkühltruhe wie zur Eiszeit. Gusset nahm sich vor, an vier Abenden jeweils ein Szenario der Klimazukunft durchzuspielen, die Jahre 2050 und 2100 jeweils mit der bestmöglichen und der denkbar schlimmsten Entwicklung zu betrachten. Wer sich schon einmal durch die 1000 Seiten des aktuellen Sachstandsberichtes des Weltklimarates geblättert hat, ahnt, was sich Patrick Gusset da vorgenommen hat. Es ist der Stand des derzeitigen Wissens zur Klimaerwärmung, erarbeitet von Hunderten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, so umfassend, dass der Blick aufs Ganze beinahe untergeht und zugleich bewusst wird, dass die Folgen der Klimaerwärmung ganz andere sein können, wenn man etwa in den Bergen lebt oder am Meeresufer. Gusset entscheidet sich für die Welt als Bühne und einen langsam schmelzenden, tonnenschweren Eisblock als deren Zentrum und Symbol der dramatischen, vom Menschen verursachten Klimaerwärmung, die Gletschern und Polkappen am sichtbarsten zusetzt. Es ist kein goldenes Kalb mehr, um das das sich frei bewegende Publikum in der weitgehend verdunkelten Industriehalle tanzt, es ist gar kein Tanz mehr, sondern ein vorsichtiges Herantasten, ein Suchen, getragen von Ratlosigkeit und Faszination zugleich, die begleitende Musik schafft im Verbund mit der Lichtführung, die den Eisblock in gleissende Farben taucht, neben einer Art Grundrauschen, das an Choräle erinnert, knatternde, trommelnde Akzente, die an den hölzernen Zahnkranz der Kindheit denken lassen, der beim Drehen das Metallschild zum Schwingen bringt, das ihn ausbremsen will. Die Tänzerin und der Tänzer umkreisen im Zeitlumpentempo den Eisblock in den Bewegungen eines Schlafwandlers, die ausgestreckten Arme, der gesenkte Kopf, Füsse, die den Boden abtasten.

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Gusset wagt den Spagat in die Wirklichkeit auf drei grossen Leinwänden, in Form von zusammengeschalteten Flachbildschirmen, eine Stimme aus dem Off führt auf eine Reise durch die kommenden Jahrzehnte, rasend schnell verändern sich Zahlen zu Niederschlägen und Durchschnittstemperaturen, den roten Faden bilden die Entwicklung des CO2-Ausstosses, schauspielerische Einlagen und am Reiseziel eine Diskussionsrunde mit drei Klimawissenschaftlern, die erläutern, wie die Welt aussehen wird, wenn es kommt wie vorhergesagt. Sie bekennen sich zu ihrem Teilwissen, das eine Art Wettervorhersage über Jahrzehnte darstellt, deren an der Vergangenheit validierte Genauigkeit aber stets zunimmt, stehen auch zur grössten Schwierigkeit der Prognosen, das Verhalten der Menschen vorherzusagen, was erst im jüngsten Sachstandsbericht überhaupt thematisiert worden ist, und erläutern, was als gesichert gilt, die immer enger werdenden Spielräume, um das 2015 auf der Pariser Klimakonferenz vereinbarte Klimaziel von maximal 1,5 Grad Erwärmung bis 2050 noch zu erreichen. Und sie erklären auch, was selbst bei diesem Szenario die allermeisten Menschen auf der Erde zu spüren bekommen werden. Das gilt noch viel mehr für die pessimistischen Szenarien, die mit jedem Jahr, das ohne konkrete Fortschritte verstreicht, immer realistischer werden – aktuell sind es bei der derzeitigen Klimaschutzpolitik bis 2050 2,7 Grad. Der künstlerische Teil kommt mit schnell geschnittenen Filmen der Wetterkatastrophen, die drohen, hier an seine Grenze. Das Unfassbare lässt sich kaum fassbar machen.

An die Grenzen stösst auch die sprachliche Kraft der gesprochenen Begleittexte, die eher noch hilfloser wirken als die so viel Exaktheit suggerierende Sprache der Wissenschaft. Diese Leere kommt viel stärker im angrenzenden Raum zum Ausdruck, wo das Jahr 2300, wenn tatsächlich niemand mehr wissen kann, was sein könnte, und ein mit Humus bedeckter Boden den Rahmen bilden. Grelles, zielgerichtetes Licht, das an einen Leuchtturm erinnert, teilt den ansonsten in Dunkelheit verharrenden Raum mal in der Vertikalen, mal in der Horizontalen, schafft Welten und Räume dazwischen, Nebelschwaden wabern am Boden, die Köpfe jener, die sich hingesetzt haben, ragen darüber hinaus, sind entrückt, haltlos, der Sound ist noch sakraler, und wenn, am ersten Abend, der, ausgehend von einer gelungenen Klimapolitik, der Mensch in Symbiose mit den Pilzen lebt, ist das ein schönes Bild für eine Welt, in der die Menschen ihren Platz gefunden haben. Vor dem Hintergrund eines Versagens der klimapolitischen Massnahmen, mit einer Erwärmung um drei Grad bis ins Jahr 2050, wird in einer Videoinstallation der Mensch zum Zwitterwesen, einer lächerlich anmutenden Traumfigur, mal ungeschickter Vogel, mal ungelenker Löwe mit Menschenkopf, aus dem Off beschwert sich ein Marsbewohner, nun wollten diese Menschen, nachdem sie die Erde ruiniert hätten, auch noch den Mars besiedeln.

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Die anschliessende Publikumsdiskussion in grosser Runde dreht sich um die Frage, was geschehen muss, dass es nicht passiert. Die einen plädieren für den individuellen Weg, die anderen für den grossen, weltweiten Aufbruch, beide im Wissen um die schiere Aussichtslosigkeit dieses Unterfangens.

Patrick Gusset hat recht behalten. Thefutureoftheearth ist gescheitert. Kein Mensch weiss, wie sie sein wird, die Zukunft. Und doch wissen wir, was auf uns zukommt. Gerade darin liegt die grosse Kraft dieses mutigen, sinnlichen und unter die Haut gehenden Stückes, an dem eine ganze Reihe von Künstlerinnen und Künstlern mitgewirkt haben, mit Gusset in der Rolle des künstlerischen Leiters und Szenographen. Man darf sich freuen auf den Film. Er soll Ende August vorliegen.

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